Feldpost Jemen #2: Schwarz oder lieber Schwarz? Shoppen mal anders

Sana’a, Freitag den 01. Dezember 2006

Sabachulsai’r ya asdiqa’ii, (Guten Morgen meine Freunde)!

Hier ist nun Freitag, also eigentlich Sonntag, denn es ist der Tag des gemeinsamen Freitagsgebets. Die Straßen sind leer und nur der Mu’ezzin, der muslimische Vorbeter, ist zu hören. Auf Abend soll es wieder belebter werden: Nach dem Gebet öffnen die Geschäfte wieder und das Tagwerk wird erledigt. Entgegen meiner Erwartungen ist hier bis abends um zehn sehr viel los auf den Straßen! In der Dämmerung ziehen auch die Frauen in großen Gruppen los zum gemeinsamen Shoppen – und ich mittendrin!

Auf den zweiten Blick: Doch vieles wie zu Hause 

Bunte Warenwelt auf jemenitisch - mittendrin der Präsident
Bunte Warenwelt auf jemenitisch – mittendrin der Präsident

Unter dem Baltu, dem langen schwarzen Übergewand, dem Kopftuch (Hijab) und Schleier (Niqab), sieht man überall schicke Sandalen und Jeans hervorblitzen. Obendrüber wird die neueste Handtasche vorgeführt. Hier in der Shoppingstraße, wo ich mich dicht and dicht zwischen Schwärmen von Einkäuferinnen versuche zu orientieren, kann man für Geld wirklich alles bekommen – vom Chanel Parfum, über den Ferrari an der Ecke und die Milka Schokolade. Natürlich gibt es auch freizügige Kleider zu kaufen, meistens eng geschnitten, manche bauchfrei und in bunten Farben. Die trägt man hier aber nur drunter. Angezogen zu sehen bekommt diese Kleider nur der eigene Haushalt und die Freundinnen – doch beim Shoppen wird, genau wie Zu Hause und überall auf der Welt, mit den Freundinnen, den Müttern und Schwester diskutiert: Ist das nicht zu teuer? Oder vielleicht doch lieber diese Handtasche? Blau steht Dir wirklich am besten!

Von November 2006 bis April 2007 lebt Miriam nahe der Altstadt von Sana’a. Als Praktikantin für die deutsche Botschaft hat sie das Glück, weite Teile des Landes bereisen zu können. Regelmäßig berichtet sie ihren Freunden und Familie in der Heimat von ihren einzigartigen Begegnungen und Erlebnissen. Die Beiträge dieser Reihe sind ihre persönliche „Feldpost“ über eine unvergessliche Zeit im „glücklichen Arabien“ – Arabia Felix.

Schwarz, Schwarz oder doch lieber Schwarz? Shoppen mal anders

Zu diesem Shoppingerlebnis war ich gestern Abend mit Katharina aufgebrochen. Ich habe dann endlich das erste Mal erfolgreich gehandelt, so dass sowohl der Verkäufer als auch ich zufrieden waren! Eine Decke mit gelb-schwarzem Muster habe ich für 1300 Rial, also 5 Euro erstanden. Jemenitischer Marktwert ist wohl so um die 900 Rial.

Schwarz in allen Schattierungen!
Schwarz in allen Schattierungen!

Und dann die Suche nach einem Baltu für mich: Gar nicht so einfach, bei meiner Körpergröße! Die Jemenitinnen sind im Durchschnitt unter 1,50m groß und ich schaffe immerhin 1,76m. Die kleinen Boutiquen sind dabei einfach unglaublich: Ähnlich wie bei uns hängen die Kleidungsstücke an großen Ständern. Jedes Ladengeschäft ist voller Spiegel und die interessierten Kundinnen drängen sich um die Auslagen hunderter Gewänder – und alle Baltus schwarz! Nun mag man meinen, Farbe und Schnitt gleich, jedes Baltu gleich. Falsch! Es gibt zum einen Qualitätsunterschiede bei Stoff, Schnitt und Verarbeitung. Und dann sind auch die Ärmel ganz unterschiedlich gestaltet – darauf kommt es an! Der Edelschick und gut “betucht” trägt schwarze Stickerei auf schwarzem Grund, in dieser Saison Blätter und Rankenmuster. Für die jüngere Generation dann auch gerne mit schwarzen Perlen und Pailletten.

Nun mag man meinen, Farbe und Schnitt gleich, jedes Baltu gleich. Falsch!

Auf die Details kommt es an!
Auf die Details kommt es an!

Noch mehr auffallen? Muss ich nicht unbedingt

Wer auffallen will, wählt rosarote oder gar goldene Stickereien. Noch mehr auffallen muss ich nun nicht unbedingt. Die Auswahl ist für mich außerdem recht eingeschränkt. Ich entscheide mich für ein Baltu mit schwarzem Blättermuster in XXL – sehr weit, dafür aber immer noch zu kurz! Dazu Hijab und Niqab für alle Fälle (Kopftuch mit Gesichtsschleier). Das sind dann am Ende statt 4000 statt 2200 Rial, also 9 Euro bezahlt, auch wenn dieser Verkäufer ein wenig hartnäckiger war. So kann ich jetzt morgen gleich zu Hause meinen Anzug anziehen, das Baltu kommt dann einfach drüber – in Extra-Large sollte das ja kein Problem sein.

Salutschüsse bis nach Mitternacht

Von der großen Feier des Abends zuvor ist hier nichts mehr zu sehen.
Von der großen Feier des Abends zuvor ist hier nichts mehr zu sehen

In der Nacht fand gestern dann auch noch eine jemenitische Hochzeit im Nachbarhaus statt. Männer und Frauen feiern hier alle Feste – auch die eigenen Hochzeit – getrennt. Zwar war ich zu müde um noch einmal loszugehen und mich dort vielleicht hineinzuschleichen. Zum anderen war aber doch alles zu aufregend und laut um wieder einzuschlafen: Immer wieder feuern die feiernden Gäste mit ihren Gewehren Salutschüsse in die Luft! 

Ob ich morgen von der Botschaft abgeholt werde, oder wie ich überhaupt dort hinkomme, steht noch in den Sternen, es bleibt spannend. Heute werde ich auf dem Hausdach ein wenig Arabisch lernen, denn morgen Abend ist auch mein Einstufungstest. Sonntag oder Montag beginnt dann mein Unterricht. Morgen Nachmittag wollte mir Katharina noch die Große Moschee zeigen, die sich noch im Bau befindet (in eine der Moscheen hinein zu kommen ist hier absolut unmöglich).

Das Telefon dürfte jetzt (also Freitag) funktionieren. Unklar ist, welche der beiden Nummern nun tatsächlich zum Telefon in der Sprachenschule führt. Die andere Leitung bringt euch allerdings nirgends hin…

Also macht’s gut,
Sonnige Grüße (ca. 26 Grad) aus dem Jemen!
Eure Miriam (hier: Mariam)

Arabia Felix – Auf der Suche nach dem glücklichen Arabien

Ich hoffe, dass meine Geschichten aus 1000 und einer Nacht diesem magischen Ort und seinen damals glücklichen Menschen die Tür auch in eure Herzen öffnen. Und wenn euch der Fortsetzungsroman Freude macht, dann freue ich mich über eure Spende – ein kleiner Beitrag dazu, dass die Kinder des Jemen vielleicht eines Tages wieder im glücklichen Arabien leben können.

Hier kannst Du direkt an UNICEF für Kinder im Jemen spenden.
41 Euro ermöglichen eine Lebensrettende Therapie mit Erdnusspaste für ein Kind;
134 Euro bezahlen 50 Kanister für je 20 Liter Trinkwasser;
Jeder Euro zählt.

وبارك الله لكم – wa barak allahu lakom! Gottes Segen mit Euch!

Wieso eine Zeitreise? Alles über die neue Reihe „Feldpost Jemen“ – mit Doyoudare auf Zeitreise in ein magisches Land

 

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