Die wilden Jahre sind vorbei? Darum ist heute alles genauso besser wie früher

To everything – turn, turn, turn!
there is a season, – turn, turn, turn!
and a time to every purpose
under heaven.

Liedtext: Pete Segers; Coversong: The Birds (1965)

Alles hat seine Zeit – ein Satz, wie er ihn wohl jeder zur einen oder anderen Gelegenheit vom Opa, der Oma oder den Eltern zu hören bekommt. Als Kind, Teenager und selbst den 20ern machte dieser Satz nur wenig Sinn –der erste Schultag, der 18. Geburtstag konnten nicht schnell genug kommen und mit Anfang 20 wollten wir alles und zwar jetzt: Coole WG, die beste Party, erfolgreich im Studium. Wie sich aber der Blick auf Glück, Wünsche und Träume über längere Phasen verändert, das beginnen wir erst dann zu begreifen, wenn wir genug Leben gelebt haben, um auch darauf zurückzublicken. Bei dem einen passiert das früher, bei der anderen später, aber irgendwann passiert es doch: Wie naiv, wie verrückt, wie spontan war ich damals! sagen wir uns dann. Und während manche froh sind, diese Jahre der Sinnsuche und Unwägbarkeiten endlich hinter sich zu wissen, blicken viele doch mit Wehmut zurück auf ihre „wilden Jahre“. Denn die sind ja jetzt vorbei. Oder?

U7, Kreuzberg, Neukölln: Zeitreise ins „wilde“ Gestern

„Gneisenaustraße,“ sagt die einzig freundliche Stimme Berlins, nämlich die, der Lautsprecherdame der BVG. Ansonsten herrscht in der deutschen Hauptstadt der berüchtigte Pöbelton zwischen „Pommes-Schranke“ und „Mit dem Fahrrand nicht in den ersten Wagen!“ Für Neulinge mag das befremdlich sein, für mich ist der erste Anranzer von der Seite „Woll’n se hier übernacht’n?“ ein echtes Heimkommen. Die Türen gehen auf, ungeduldiges Piepen, Gedrängel rein, Gedrängel raus. Am Bahnsteig dann tief einatmen. Bisschen Keller, bisschen Kippen, Abgas, Revolution und ungewaschen – nirgends in der Stadt ist der Duft der alten Dame Berlin so ungeschminkt und ehrlich wie hier im Untergrund. Als schlüpfte ich in meine löchrigen DocMartin‘s trägt mich die Berliner Luft zurück in meine „wilden Jahre,“ Studienzeit, Freiheit, Selbstfindung. So geht es mir jedes Mal, wenn ich nach längerem wieder einmal zurückkomme in den alten Kiez, die Laufreichweite zwischen Südstern, Kotti Tor und Görli: Als Landkind am 1.Mai zwischen die Fronten geraten, der erste Auftritt und eigener Applaus an der Schauspielschule, mit der Uni zur UNO, mit den Kumpels den Tag auf dem Karneval der Kulturen verschwenden – Berlin war für mich so viel mehr als das Hippstertown der Musikvideos.

Und Dein Blick zurück?
Und Dein Blick zurück?

Alles hat seine Zeit – In welcher lebst Du?

Jetzt, nach einem guten halben Jahr hanseatischer Kühle und Aufgeräumtheit in Hamburg umfängt mich das bunte Berliner Lottervolk wie warme Watte. Unwillkürlich atme ich aus, als hätte ich zu lange die Luft angehalten. Versteht mich nicht falsch – der Zauber der altehrwürdigen Metropole mit ihren gepflegten Häuserfassaden, dem Lichtermeer an der Lombarsbrücke und dem Hauch der weiten Welt, der alles umweht, hat mich längst fest im Griff. Die herrlichen Unaufgeregtheit, Zurückhaltung und das gleichzeitig lässige Understatement passen mir einfach gut. Hamburg ist für mich sinnvolle Arbeit, Verantwortung im Job, gefordert werden. Da wollte ich immer hin. Am Alsterufer schwimme ich inzwischen ganz entspannt im Strom seiner gutgekeideten Bewohner: Im adretten Bürooutfit unterwegs, gefällt mir mein Spiegelbild in den Schaufenstern der Esplanade: Zwischen Casual Wear und Esprit Modern Business, schicker Mantel, gute Stiefel, flotter Schritt.

Alsterblick nach vorn...
Alsterblick nach vorn…

Wo die Reise hingeht? Unwichtig. Hauptsache, Du bist unterwegs

Für die Reise nach Berlin stecken meine Füße heute stattdessen in bequemen Turnschuhen, Backpack auf dem Rücken, ein buntes Halstuch mit Troddeln hält alles zusammen. Die DocMartin’s habe ich aber doch lieber zu Hause gelassen – schließlich hole ich mir in denen ja nur nasse Füße. Oder sind sie vielleicht schon längst in der Kleidersammlung gelandet? Und überhaupt passten sie auch damals schon gar nicht mehr besonders gut. An die Jahre gepflegter Orienterungslosigkeit, Studentenparties mit Spezialbowle und nicht mehr ganz wasserdichten Stiefeln denke ich gerne zurück. Schlimm, wer diese Jahre nicht voll ausgekostet hat. Die Partys sind heute gottseidank immer noch gut, die Träume konkreter, aber nicht weniger groß. Mit den Kumpels wird halt beim Bier nicht mehr über Demo, Klausurenstress und Mieterhöhung, sondern über Hauskredit, EU-Projekt und Kita-Eingewöhnung geschnakt.

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Jetzt, da ich mir in den echt bequemen Chucks meinen Weg zum Ausgang bahne, frage ich mich, wie die wohl zum Anzug aussehen. Fand ich eigentlich bei all den berufsjugendlichen Managern immer albern – macht aber plötzlich ein bisschen mehr Sinn. Hat wohl alles seine Zeit, aber wir bleiben doch die gleichen. Ich trete hinaus in die Berliner Nacht, das schicke Bürooutfit fällt auch gedanklich von mir ab – zumindest für’s Wochenende. Und ich bin mir sicher, die nächsten Jahre werden wieder wild – nur anders.

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