Lässt Dich nie mehr los: Der Mythos von Mütterchen Prag

„Das Mütterchen hat Krallen“, schreibt der tschechische Schriftstelle Franz Kafka über seine Heimatstadt. Wenig wird der Besucher heute von der von Kafka beschriebenen beklemmende Enge und Düsternis bemerken – die Metropole hat ihr autoritäres Gewandt abgestreift. Was bleibt ist der Hauch der sprichwörtlichen Prager Melancholie, die im Spätherbst und Winter in den Gassen der „Goldenen Stadt“ beinahe mit Händen zu greifen ist. Wer dem Prager Mythos einmal verfallen ist, den lässt er so schnell nicht wieder los..!


Über das Kopfsteinpflaster und entlang malerischer Häuser erbaut in den letzten fünf Jahrhunderten steige ich zum Hradschin, der riesigen Burganlage Prags hinauf. Im Sommer ist der Marsch hinauf zur Festung nahezu ein Gewaltakt, wenn sich Reisegruppe an Großfamilie gedrängt aufwärts schiebt, folgst Du dem quälend langsamen Takt der Masse und Glanz und Glorie der altehrwürdigen Gassen und Mauern verblassen neben Socken in Sandalen, Kindergenörgel und den zackigen Ansagen der Reiseleiterinnen. Auch jetzt, Mitte Oktober, ist einiges los auf dem Burgberg, doch die meisten Besucher sind eher von der ruhigeren Sorte: Paare jeden Alters schlendern Hand in Hand zum Gipfel Prahas und asiatische Studenten knipsen Selfie um Selfie. Der Blick von hier oben ist dann aber die Mühe des Aufstiegs zu jeder Jahreszeit wert: Wie die Modellandschaft einer Spielzeugeisenbahn breitet sich die “Goldene Stadt” vor mir aus und die Moldau und glitzert in der Hersbtsonne mit den polierten Fenstern und gläsernen Kuppeln der Stadt um die Wette.

Blick vom Burgberg
Blick vom Burgberg
Historische Kulisse in Richtung deutscher Botschaft

Mythos und Diktatur: Zwei Seelen schlagen, ach, in Prahas Brust

Hier auf dem Hradschin lassen sich die bewegte Geschichte des 20.Jahrhunderts mit dem mystischen Prag der Donaumonarchie (1867 bis 1918) leicht zusammendenken. Ein wenig unterhalb liegt rechter Hand die deutsche Botschaft. Hier hatte am 30.Septemebr 1989 der damaligen Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher den über 4000 DDR-Bürgern versichert, „daß heute ihre Ausreise in die Budnesrepublik möglich geworden“ sei – für ihn persönlich, er stammte ursprünglich aus Halle an der Saale,  der wohl bewegendste Moment seines Lebens, wie er sich in unserem gemeinsamen Gespräch 2009 erinnerte.

Der Hradschin bei Nacht
Der Hradschin bei Nacht
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In 18 verschiedenen Häusern hat Kafka in Prag gewohnt…

Das Verbindungsscharnier zwischen den vielen Gesichtern Prags, der Wehmut nach der vermeintlich goldenen Kaiserzeit, den Schrecken des Dritten Reiches und der kalten Wirklichkeit des sozialistischen Systems, sind für mich die Schriften Franz Kafkas (1883 – 1923). Auch wenn der jüdische Schriftsteller die volle Wucht der Diktaturen des 20.Jahrhunderts nicht erleben sollte, findet sich in seinem Werken „Der Proceß“ und „Das Schloß“ bereits im Autoritären der Kaiserzeit das Totalitäre angedeutet – nicht umsonst waren es Kafkas Texte, die heute als Ausgangspunkt des „Prager Frühlings“, der Oppositionsbewegung gegen die marxistisch-leninistische Herrschaft, gelten: 1968 hatte der tschechoslowakische Schriftstellerverband zur internationalen Kafka-Tagung im Schloss Liblice bei Prag eingeladen und dort den unmittelbaren Austausch nicht nur litererarischer, sondern auch politischer Freigeiser des Ostblocks ermöglicht.

Kulturelles Ereignis: Wo in Prag trinken?

Prag wäre nun nicht Prag, wenn sich da Erleben der Geschichte nicht auch gleich mit der tschechischen Biertradition verbinden ließe. Das Stichwort lautet hier „Trinkhalle“ – die alteingessesenen Prager Kneipen, in denen ganz eigene Regeln gelten. Entlang der langen, dichtbestuhlten Tische werden beim ersten und zweiten Bier Revolutionen geplant und verworfen und erst beim vierten, fünften und sechsten Halben politische Kompromisse erreicht. Mein Tipp ist der inzwischen weltberühmte „Goldene Tiger“ (U Zlatého tygra, Husova 17, Praha 1 – Staré Město, 110 00) in dem 1994 auch die Präsidenten Václav Havel und Bill Clinton gemeinsam die Gläser hoben. Touristen sind hier eher weniger beliebt, wovon man sich jedoch nicht abschrecken lassen sollte. Eine gute Zeit, um dorthin zu gehen ist in jedem Falle der frühe Nachmittag – denn ansonsten ist es hier immer gerammelt voll. Findet sich beim besten Willen kein Platz mehr, dann weichst Du einfach auf den „schwarzen Ochsen“ (U Cerného vola) in der Nähe des Hradschin aus. Dort ist das Bier noch dazu um einiges billiger als im „Tiger“. Und Achtung: Für alle „Trinkhallen“ gilt: Wer nicht mehr weiter trinken möchte, sollte schleunigst seinen Bierfilz (Hochdeutsch: Bierdeckel) auf das Glas legen – sonst wird sofort wieder nachgeschenkt!

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“Zum Goldenen Tiger” – eine echte Institution

Auf der Suche nach dem Besonderen: Wo in Prag essen?

Nahezu jedes Lokal in Prag serviert großartiges Essen. (allerdings nicht für Vegetarier) Je näher am zentralen Marktplatz, desto teurer – die Restauarnts in 10 Gehminuten Umkreis vom Altstädter Rathaus würde ich deshalb meiden. Mein Tipp: Ähnlich der Hotelsituation finden sich die urigsten und gleichzeitig weniger überlaufenen Lokalitäten am östlichen Ufer der Moldau auf der Westseite der Altstadt direkt unterhalb der Burg. Mein persönlicher Favorit ist das Mittelalterlokal „Brabant“ (U krále Brabantského) im „Krönungsweg“. Es ist eines der ältesten Gasthäuser Prags und wer hier im Schatten des Hradschin nach Einbruch der Dunkelheit einkehrt macht gleich einen doppelten Zeitsprung: Böhmische Gerichte wie zu Kaiserszeiten werden mit mittelalterlichen Rezepten kombiniert und das tschechische Schwarzbier hätte wohl auch dem Eigentümer der Ritterrüstung vom Nebentisch zugesagt!

Der Veitsdom auf dem Burgberg
Der Veitsdom auf dem Burgberg

Die Hardfacts: Wann Prag besuchen?

Wer noch in den siebziger und achtziger Jahren den Charme verblichener Grandeur in den Gassen des nächtlichen Prag einatmete, erkennt das Herz im Bömischen kaum mehr wieder. Lebendig, weltoffen und selbstbewusst begegnet Prag heute seinen Gästen aus der ganzen Welt. Mit über sechs Millionen ausländischen Besuchern unterhält sich tschechiens Hauptstadt heute non-chalante mit London, Paris und Berlin auf Augenhöhe. Entsprechend wichtig ist es, sich vorab um die Unterkunft zu kümmern – denn mit den steigenden Besucherzahlen haben auch die Preise schnell aufgeholt.

Für einen ersten Besuch rate ich deshalb allein aus Preisgründen in jedem Falle von der Hochsaison ab, also Juli und August und Dezember und Januar. Noch dazu schmälern die Menschenmassen in diesen Monaten in jedem Falle den Genuss. Während im Hochsommer Backpacker und Reisegruppen ein Fortkommen auf den Plätzen und Straßen nahezu unmöglich machen, sind um die Wehnachtszeit und zum Jahreswechsel die schönesten Zimmer vergeben und die Museen überfüllt – die liebste Reisezeit kinderloser Paare jeden Alters. Ein weiterer Tipp ist natürlich, die Wochenenden und somit die Kurztripreisenden zu umgehen.

Wen die Menschenmasssen nicht schrecken - im Sommer sind Moldau und Karlsbrücke einfach herrlich!
Wen die Menschenmasssen nicht schrecken – im Sommer sind Moldau und Karlsbrücke im Sonnenschein einfach herrlich!

Wo in Prag übernachten?

Ein Hotel oder eine Pension in der Innenstadt ist in jedem Falle ein Muss für jeden, der Prag in seiner Gänze erleben will. Alles Sehenswerte liegt zu beiden Seiten der Moldau nahe der Karlsbrücke, doch drängen sich die meisten Übernachtungsmöhlichkeiten am östlichen Ufer in Bahnhofsnähe. Die erfahrunsggemäß günstigste Variante in der Innenstadt ist trotzdem eine Unterkuft auf der westlichen Seite unterhalb des Burgbergs. Außerhalb der Hochsaison kannst Du hier bereits ab 25 Euro pro Person in einem eigenen Zimmer mit Bad übernachten. Nach oben sind dabei selbstverständlich keine Grenzen gesetzt. Besonders gefallen hat mir persönlich das Hotel Golden Key, das ein ganz fantastisches Frühstück anbietet. Wer lieber etwas günstiger reisen möchte oder sich sicherer fühlt, über einen deutschen Anbieter zu buchen, der wird zum Beispiel bei der kleinen aber feinen Hotelauswahl von Jahnreisen schnell fündig!

Alles ganz nah beieinander - am besten beginnst Du Deine Tour durch Prag auf dem Hradschin!
Alles ganz nah beieinander – am besten beginnst Du Deine Tour durch Prag auf dem Hradschin!

Und zu guter Letzt: Wie nach Prag kommen?

Ob von Dresden, Nürnberg oder Hof – Tschechiens Hauptstadt ist mit dem Auto denkbar einfach zu erreichen. Auf dem Weg in die „Goldene Stadt“ fährst du entlang malerischer Landstraßen und schließlich über eine moderne Autobahn. (Mautvignetten bekommst du für knapp 12 Euro an jeder tschechischen Tankstelle.) Über Dresden führt auch die schnellste Bahnlinie von Deutschland aus nach Prag. Auch per Flugzeug anzureisen ist wunderbar entspannt, denn es gibt einen reibungslosen Shuttleverkehr zwischen dem recht übersichtlichen Letiště Václava Havla Praha westlich der Stadt und dem Hauptbahnhof.

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Dir hat dieser etwas andere City-Guide zu Prag gefallen? Mehr Insider-Tipps zu Europas Städten gibt’s auch bei Doyoudare – zum Beispiel über die nordirische Stadt Derry!

 

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